Osama Bin Laden und 20 Jahre Krieg in Afghanistan:

Gottes eigene Krieger
von Ahmed Rashid*

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Aus mit westlicher Hilfe errichteten Ausbildungslagern radikaler Muslime rekrutierte ein sendungsbewusster Saudi-Araber eine internationale Terrorgruppe.  Sein Name:  Osama Bin Laden.

 

In Torkham, dem Grenzposten zwischen Afghanistan und Pakistan auf der Spitze des Khyber-Passes, sind die beiden Länder nur durch eine Kette voneinander getrennt. Auf der pakistanischen Seite stehen die tadellos gekleideten Frontier Scouts - paramilitärische Einheiten in grauen Shalwar Kameezes und mit Turban. Es war April 1989, und die Sowjets hatten gerade Afghanistan verlassen. Ich wollte aus Kabul kommend über die Landstrasse nach Pakistan, aber die Grenze war geschlossen. Erschöpft von der Fahrt, legte ich mich auf der afghanischen Seite ins Gras und wartete. Plötzlich kam mit röhrendem Motor ein LKW voller Mudschahidin auf der Strasse herangefahren und hielt. Aber die Männer auf der Ladefläche waren keine Afghanen. Gebräunte Araber, blauäugige Männer aus Zentralasien und dunkelhäutige chinesische Gesichter blinzelten unter schlampig gewickelten Turbanen und aus schlecht sitzenden Shalwar Kameezes hervor. Sie hatten Munitionsgurte umgehängt und trugen Kalaschnikows. Abgesehen von einem Afghanen, der als Dolmetscher und Führer fungierte, sprach kein einziger Paschtun, Dari oder auch Urdu. Während wir gemeinsam darauf warteten, dass die Grenze geöffnet wurde, kamen wir ins Gespräch.
Die Gruppe bestand aus Filipinos, Usbeken aus dem sowjetischen Zentralasien, Araber aus Algerien, Ägypten, Saudi Arabien und Kuweit sowie Uiguren aus China. Ihr Begleiter war ein Anhänger von Gulbuddin Hekmatjars Hisb-i-Islami. Die Männer wurden in einem Lager nahe der Grenze ausgebildet und fuhren jetzt übers Wochenende nach Peschawar, wo auf sie Post von zu Hause, saubere Kleidung und anständiges Essen warteten. Sie waren gekommen, um den Mudschahidin beim Dschihad beizustehen und sich an den Waffen, im Herstellen von Bomben und militärischen Taktiken ausbilden zu lassen; anschließend wollten sie den Dschihad in ihrer Heimat weiterführen.
An dem Abend gab Premierministerin Benazir Bhutto in Islamabad ein Abendessen für Journalisten. Unter den Gästen war Generalleutnant Hamid Gul, Chef des pakistanischen Geheimdienstes ISI und leidenschaftlicher Islam-Ideologe der Armee nach Zia ul-Haqs Tod. General Gul triumphierte über den Abzug der Sowjets. Ich fragte ihn, ob er nicht mit dem Feuer spiele, wenn er radikale Muslime aus islamischen Ländern einlud, die mit Pakistam verbündet waren. Würden diese Radikalen nicht in ihren eigenen Ländern Kontroversen auslösen und Pakistans Außenpolitik gefährden? "Wir kämpfen den Dschihad, und dies ist die erste internationale Brigade der modernen Zeit. Die Kommunisten haben ihre internationalen Brigaden, der Westen hat die Nato, warum sollten wir Muslime uns nicht zu einer gemeinsamen Front vereinigen?", entgegnete der General. Dies war die erste und einzige Rechtfertigung, die ich je für die so genannten Araber-Afghanen erhielt, von denen niemand Afghane und viele keine Araber waren.
1986, drei Jahre zuvor, hatte der CIA-Chef William Casey den Krieg gegen die Sowjetunion verstärkt, indem er entscheidende, zu der Zeit streng geheime Maßnahmen umsetzte. Er hatte den US-Kongress davon überzeugt, den Mudschahidin amerikanische Stinger-Flugabwehrraketen zu liefern für den Kampf gegen die sowjetischen Flugzeuge sowie US-Ratgeber für die Ausbildung der Guerilla zur Verfügung zu stellen. Bis dahin war noch keine in den USA hergestellte Waffe oder US-Personal in diesem Krieg direkt eingesetzt worden. Die CIA, der britische MI6 und der ISI stimmten dem Plan von Guerilla-Angriffen auf die sowjetischen Sozialistischen Republiken, der empfindlichen muslimischen Stelle der Sowjetunion, zu, von dem aus die sowjetischen Truppen in Afghanistan versorgt wurden. Die Aufgabe wurde den ISI-Favoriten und Mudschahidin-Führer Gulbuddin Hekmatjar übertragen. Im März 1987 überquerten kleine Einheiten der Militärbasen im Norden Afghanistans den Amu-Darja-Fluss und starteten ihre ersten Raketenangriffe auf Dörfer in Tadschikistan. Casey war erfreut über die Neuigkeiten, und bei seiner nächsten Reise nach Pakistan überquerte er die Grenze nach Afghanistan mit Präsident Zia ul-Haq, um die Mudschahidin-Gruppen zu inspizieren. Danach verpflichtete Casey die CIA, eine für längere Zeit beabsichtigte ISI-Initiative zu unterstützen, bei der radikale Muslime aus der ganzen Welt rekrutiert und nach Pakistan gebracht werden sollten, um auf Seiten der afghanischen Mudschahidin zu kämpfen. Der ISI hatte dies seit 1982 angeregt, und inzwischen hatten alle anderen Parteien ihre eigenen Gründe, diese Idee zu unterstützen. Präsident Zias Ziel war, die islamische Einheit zu festigen, Pakistan zum Führer der muslimischen Welt zu machen und eine islamische Opposition in Zentralasien zu fördern.
Washington wollte demonstrieren, dass die gesamte muslimische Welt an der Seite von Afghanistan und seinen amerikanischen Wohltätern gegen die Sowjetunion kämpfte, und die Saudi-Araber sahen eine Gelegenheit, den Wahhabismus voranzubringen und sich seiner eigenen Radikalen zu entledigen. Keiner der Beteiligten rechnete damit, dass diese Freiwilligen ihre ureigenen Pläne verfolgen und letzten Endes ihren Hass gegen die Sowjetunion, gegen ihre eigenen Regime und gegen Amerikaner richteten. Pakistan hatte bereits alle Botschaften im Ausland instruiert, jedem, der kommen wollte, mit den Mudschahidin zu kämpfen, ohne große Fragen Visa auszustellen. Im Mittleren Osten organisierten die Muslimbruderschaften, die in Saudi-Arabien ansässige Weltmuslimliga und die palästinensischen Radikalen ihre Rekruten und stellten Kontakt zu den Pakistanern her. Empfangskomitees des ISI und Pakistans Jamaat-i-Islami begrüßten die ankommenden Militanten, sorgten für Unterbringung, Ausbildung und ermunterten diese Männer, sich den Mudschahidingruppen, vor allem der Hisb-i-Islami, anzuschließen. Die Gelder für dieses Unternehmen stammten vom saudi-arabischen Geheimdienst. Der französische Gelehrte Olivier Roy beschreibt es als "ein Joint Venture zwischen den Saudis, der Muslimbruderschaft und der Jamaat-i-Islami, zusammengestellt vom ISI.
Zwischen 1982 und 1992 erhielten ungefähr 35.000 radikale Muslime aus 43 islamischen Ländern des Mittleren Ostens, aus Nord- und Ostafrika, Zentralasien und dem Fernen Osten ihre Feuertaufe bei den afghanischen Mudschahidin. Zehntausende weitere radikale Muslime kamen, um die neuen Madrassen zu besuchen, die Zias Militärregierung in Pakistan und an der Grenze nach Afghanistan einzurichten begann. Am Ende hatten über 100.000 radikale Muslime direkt Kontakt mit Pakistan und Afghanistan und unterstanden dem Einfluss des Dschihad.
In den Lagern bei Peschawar und in Afghanistan trafen diese Radikalen zum ersten Mal aufeinander und lernten, trainierten und kämpften Seite an Seite. Für die meisten von ihnen war dies die erste Gelegenheit, etwas über die islamischen Bewegungen in den anderen Ländern zu erfahren, und sie knüpften taktische und ideologische Verbindungen, die ihnen in der Zukunft zugute kommen sollten. Die Lager wurden buchstäblich zu Universitäten für den künftigen islamischen Radikalismus. Keiner der Geheimdienste schien sich über die Konsequenzen im Klaren zu sein, die sich aus dem Zusammenkommen Tausender islamischer Radikaler aus der ganzen Welt ergaben. Viele dieser Radikalen hofften darauf, das der afghanische Dschihad,  nachdem schon der Supermacht Sowjetunion eine Schlappe beigebracht worden war, auch die andere Supermacht, die USA, und die eigenen Regime besiegen konnte. Die Hoffnung basierte auf der einfachen Prämisse, dass es allein der afghanische Dschihad war, der die Sowjetunion in die Knie gezwungen hatte. Die zahlreichen internen Faktoren, die zum Kollaps des Sowjetregimes führten, von denen der Dschihad nur einer gewesen war, wurden ignoriert. Während die USA den Zusammenbruch des Sowjetreichs als ein Versagen des kommunistischen Systems ansahen, hielten ihn viele Muslime einzig und allein für einen Sieg des Islam. Diese Vorstellungen waren inspirierend und beschworen Erinnerungen an die großen muslimischen Siegeszüge im 7. und 8. Jahrhundert herauf. Eine neue islamische Umma, so argumentierten sie, konnte durch die Opfer und das Blut einer neuen Generation von Märtyrern und noch mehr Siege geschmiedet werden.
Unter diesen Tausenden ausländischen Rekruten war ein junger Saudi-Araber namens Osama Bin Laden, Sohn des jemenitischen Baulöwen Mohammed Bin Laden, der ein enger Freund von König Feisal war und dessen Firma durch Restaurierung und Ausbau der heiligen Moscheen in Mekka und Medina zu sagenhaftem Reichtum gelangt war.
Der ISI hatte schon seit langem Prinz Turki Ibn al-Feisal, den Chef des saudi-arabischen Geheimdienstes Istakhbarat, ersucht, einen Prinzen aus der Königsfamilie als Führer des saudi-arabischen Kontingents zu stellen, um den Muslimen zu demonstrieren, wie verpflichtet sich die Königsfamilie dem Dschihad sah. Bislang waren nur arme Saudi-Araber, Studenten, Taxifahrer und Beduinen gekommen, um zu kämpfen. Aber von den verwöhnten Saudi-Prinzen war keiner auf das harte Leben in den Bergen Afghanistans erpicht. Bin Laden war zwar kein Königskind, stand der königlichen Familie aber nahe genug und war zweifellos reich genug, das saudi-arabische Kontingent zu führen. Bin Laden, Prinz Turki und General Gul wurden enge Freunde und Verbündete für die gemeinsame Sache.
Das Zentrum der Araber-Afghanen waren die Büros der Muslimbruderschaft in Peschawar, die von Abdullah Azzam geführt wurde, einem jordanischen Palästinenser, den Bin Laden an der Universität von Dschidda kennen gelernt hatte und als seinen Führer verehrte. Azzam wurde zusammen mit seinen beiden Söhnen 1989 in Pschawar bei einem Bombenattentat getötet. In den achtziger Jahren hatte Azzam enge Verbindungen zu Hekmatjar geknüpft sowie auch zu Abdul Rasul Sayyaf, dem afghanischen islamischen Gelehrten, den die Saudi-Araber nach Peschawar geschickt hatten, um den Wahhabismus zu verbreiten. Saudi-Arabische Gelder flossen an Azzam und das Versorgungszentrum Makhtab al-Khidmat, das er 1984 für die neuen Rekruten geschaffen hatte und um Spenden islamischer karitativer Organisationen zu empfangen. Auch Spendengelder des saudi-arabischen Geheimdienstes, des saudi-arabischen Roten Halbmonds, der Weltmuslimliga und aus den Privatschatullen saudischer Prinzen und Moscheen flossen durch dieses Zentrum. Zehn Jahre später sollte es sich als Zentrum radikaler Organisationen entpuppen, die an der Bombenlegung im World Trade Center und in den US-Botschaften in Afrika 1998 beteiligt waren.

Bis Bin Laden in Afghanistan ankam, war sein Leben kaum besonders auffallend verlaufen. Er wurde ungefähr 1955 als 17. von 57 Kindern, Sohn des jemenitischen Bauunternehmers und einer syrischen Mutter, einer von Mohammed Bin Ladens zahlreichen Ehefrauen, geboren. Er absolvierte seinen Master in Ingenieurswesen an der König-Abd-al-Asis-Universität in Dschidda, wechselte dann aber zum Studium des Islam. Er ist schlank, 1,93 Meter groß, schlaksig, trägt einen wallenden Bart und überragte alle Kommilitonen, die ihn als stillen, frommen Mann ohne besondere Merkmale in Erinnerung haben. Sein Vater unterstützte des Kampf in Afghanistan auch finanziell, so dass die Familie begeistert reagierte, als er sich ihm anschloss. 1980 reiste Bin Laden nach Peschawar und traf sich mit Führern der Mudschahidin. Er kam dann immer öfter mit saudi-arabischen Spendengeldern wieder und ließ sich 1082 schließlich ganz in Peschawar nieder. Er brachte Ingenieure seiner Firma und schwere Ausrüstung mit, um Strassen und Depots für die Mudschahidin zu bauen. 1986 half er beim Bau des Khost-Tunnel-Komplexes, den die CIA als bedeutendes Waffendepot, Trainingslager und medizinisches Zentrum für die Mudschahidin in den Bergen nahe der pakistanischen Grenze finanzierte. In Khost errichtete er zum ersten mal sein eigenes Ausbildungslager für Araber-Afghanen, die den schlaksigen, reichen und charismatischen Saudi-Araber als Führer ansahen.
"Um diese sowjetischen Atheisten zu kontern, wählten mich die Saudi-Araber zu ihrem Vertreter in Afghanistan", sagte Bin Laden später. "Ich ließ mich in Pakistan nieder. Dort empfing ich Freiwillige aus dem Königreich Saudi-Arabien und aus arabischen und muslimischen Ländern. Ich errichtete mein erstes Lager, wo diese Freiwilligen von pakistanischen und amerikanischen Offizieren ausgebildet wurden. Die Waffen wurden von den Amerikanern geliefert, das Geld stammte von den Saudis. Ich sah, dass selbst dies nicht ausreichte, um in Afghanistan zu kämpfen, hatte aber die Aufgabe, an allen Fronten gegen kommunistische oder westliche Unterdrückung zu kämpfen." Bin Laden behauptete später, er habe an Hinterhalten für Sowjettruppen teilgenommen, aber hauptsächlich nutzte er seinen Reichtum und die saudischen Spenden, um die Projekte der Mudschahidin zu verwirklichen und den Wahhabismus unter den Afghanen zu verbreiten. Nach Azzams Tod 1989 übernahm er dessen Organisation und richtete die Militärbasis al-Quaida als Servicezentrum für Araber-Afghanen und ihre Familien ein. Mit Bin Ladens Hilfe hatten Tausende arabische Militante in den Provinzen Kunar, Nuritan und Badakhshan militärische Stützpunkte errichtet, aber ihre extremen Praktiken machten sie bei der Mehrheit der Afghanen unbeliebt. Darüber hinaus trieben sie einen Keil zwischen sich und die Nicht-Paschtunen sowie die Schiiten.
Ahmed Schah Massud kritisierte später die Araber-Afghanen. "Meine Dschihad-Fraktion hatte kein gutes Verhältnis zu den Araber-Afghanen während des Dschihad. Hingegen hatte sie ein sehr gutes Verhältnis zu den Gruppen von Abdul Rasul Sayyaf und Gulbuddin Hekmatjar. Als wir 1992 in Kabul eindrangen, kämpften die Araber-Afghanen in den Reihen Hekmatjars gegen uns. Wir werden sie auffordern, unser Land zu verlassen. Bin Laden richtet mehr Schaden an, als er Gutes tut", erkärte Massud 1997, nachdem er von den Taliban aus Kabul verdrängt worden war.
1990 war Bin Laden durch das interne Gezänk der Mudschahidin desillusioniert und kehrte nach Saudi-Arabien zurück, um im Familienunternehmen zu arbeiten. Er gründete eine Wohlfahrtsorganisation für Veteranen der Araber-Afghanen, von denen sich allein 4.000 in Mekka und Medina niedergelassen hatten, und unterstützte die Familien der Gefallenen finanziell. Nach der Invasion des Iraks in Kuweit versuchte er die königliche Familie zu überreden, eine Volksverteidigung des Königreichs zu organisieren und aus den afghanischen Kriegsveteranen eine Streitmacht zu bilden, mit der der Irak bekämpft werden konnte. Stattdessen holte König Fahd die Amerikaner ins Land. Das versetzte Bin Laden einen Riesenschock. Als die 540.000 Mann starken US-Truppen nach und nach eintrafen, kritisierte Bin Laden offen die königliche Familie und beeinflusste die saudisch-arabische Ulama, Fatwas (religiöse Entscheide) gegen im Lande stationierte Nicht-Muslime auszusprechen. Bin Laden äußerte heftige Kritik, als nach der Befreiung Kuweits ungefähr 20.000 Mann US-Besatzung in Saudi-Arabien stationiert blieben. 1992 hatte er eine glühende Debatte mit Innenminister Prinz Naif, den er als Verräter am Islam bezeichnete. Naif beschwerte sich bei König Fahd, und Bin Laden wurde zur Persona non grata. Doch hatte er weiterhin Verbündete in der königlichen Familie, die Naif ebenfalls nicht ausstehen konnten. Seine Verbindungen zum saudisch-arabischen Geheimdienst und dem ISI hielt er aufrecht.
1992 ging Bin Laden in den Sudan, um an der islamischen Revolution teilzunehmen, die unter dem charismatischen sudanesischen Führer Hassan al-Turabi im Entstehen war. Bin Ladens fortgesetzte Kritik an der königlichen Familie verärgerte diese am Ende so sehr, dass sie ihm 1994 die Staatsbürgerschaft entzogen - eine erstmalige Maßnahme. Mit seinem Vermögen und seinen Kontakten gelang es Bin Laden im Sudan, Veteranen aus dem Afghanistan-Krieg um sich zu scharen, die alle über den Sieg Amerikas über den Irak und über die anmaßende Haltung der arabischen Herrscherelite, dem amerikanischen Militär die Stationierung am Golf zu gestatten, entsetzt waren. Als der Druck auf den Sudan von Seiten der USA und Saudi-Arabiens zunahm, weil er Bin Laden Unterschlupf gewährte, forderten ihn die sudanesischen Behörden auf, das Land zu verlassen.
Im Mai 1996 reiste Bin Laden zurück nach Afghanistan und kam in einem Charterflugzeug in Begleitung von Dutzenden arabischen Militanten, Leibwächtern und Familienmitgliedern - vier Ehefrauen und 13 Kinder - in Jalalabad an. Hier lebte er unter dem Schutz der Jalalabad-Schura bis zur Eroberung Kabuls und Jalalabads durch die Taliban im September 1996. Im August 1996 erklärte er zum ersten Mal den Dschihad gegen die Amerikaner, die, wie er behauptete, Saudi-Arabien besetzten.
"Die Mauern von Unterdrückung und Demütigung können nur durch einen Kugelhagel zerstört werden", hieß es in der Erklärung. Nachdem er Freundschaft mit Mullah Omar geschlossen hatte, zog er 1997 nach Kandahar und stand fortan unter dem Schutz der Talliban. Inzwischen hatte der CIA eine Spezialeinheit geschaffen, die all seine Aktivitäten und Verbindungen zu anderen islamischen Militanten überwachte. In einem Bericht des US-Außenministeriums hieß es, Bin Laden sei "einer der bedeutendsten Finanzgeber für islamischen Extremismus der Welt". Der Bericht besagt, dass Bin Laden Terroristenlager in Somalia, Ägypten, Sudan, Jemen und Afghanistan finanzierte. Im April 1996 unterzeichnete Präsident Clinton das Anti-Terrorismus-Gesetz, das den USA gestattete, die Vermögen terroristischer Organisationen zu blockieren. Als erstes wurde Bin Ladens Vermögen in geschätzter Höhe von 250 bis 300 Millionen US-Dollar blockiert. Einige Monate darauf erklärte der ägyptische Geheimdienst, Bin Laden bilde 1.000 Militante aus; eine zweite Generation von Araber-Afghanen, um eine islamische Revolution in den arabischen Ländern anzuzetteln.
Anfang 1997 entsandte die CIA ein Kommando nach Peschawar, das versuchen sollte, in einer Entführungsaktion Bin Laden aus Afghanistan herauszuholen. Die Amerikaner verpflichteten Afghanen und Pakistaner zur Hilfeleistung, brachen die Aktion dann aber ab. Die US-Aktion in Peschawar überzeugte Bin Laden schließlich, in die sicheren Gefilde von Kandahar zu übersiedeln. Bei einem Treffen am 23. Februar 1998 im Khost-Lager verabschiedeten alle mit al-Qaida assoziierten Gruppen ein Manifest unter der Ägide der "Internationalen Islamischen Front für den Dschihad gegen Juden und Kreuzritter". In dem Manifest stand: "Seit mehr als sieben Jahren besetzen die USA Grund und Boden des Islam an den heiligsten Orten der Arabischen Halbinsel, plündern seinen Reichtum, befehligen seine Herrscher, demütigen seine Bewohner, terrorisieren seine Nachbarn und machen ihre Militärbasen auf der Halbinsel zu einer Speerspitze, mit der die umliegenden muslimischen Völker bekämpft werden sollen." Es wurde eine Fatwa erlassen. "Der Entscheid, die Amerikaner und ihre Verbündeten - Zivilisten und Militärs - zu töten, ist die Pflicht eines jeden Muslims; in jedem Land, in dem es möglich ist." Damit hatte in Laden eine Politik formuliert, die nicht nur auf die saudische Königsfamilie und die Amerikaner abzielte, sondern nach der Befreiung des gesamten muslimischen Mittleren Ostens rief. Als die amerikanischen Luftangriffe auf den Irak 1998 zunahmen, rief Bin Laden alle Muslime auf, Amerikaner und Briten "zu stellen, zu bekämpfen und zu töten".
Durch die Bombenattentate im August 1998 auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania, bei denen 263 Menschen ums Leben kamen, wurde Bin Laden in der muslimischen Welt und im Westen zum Begriff. Genau 13 Tage nachdem die USA Bin Laden der Attentate bezichtigt hatte, übten sie Vergeltung und feuerten 70 Cruise Missiles auf Bin Ladens Lager bei Khost und Jalalabad. Mehrere Lager, die von den Taliban an radikale Araber-Afghanen und pakistanische Gruppen übergeben worden waren, wurden getroffen. Das von Bin Laden kontrollierte Lager al-Badr und die von der pakistanischen Harakat al-Ansar geleiteten Lager Khalid Bin Walid und Muawia waren die Hauptziele. Harakat bildete in den Lagern Kämpfer gegen die indischen Truppen in Kaschmir aus. Sieben Ausländer wurden bei dem Angriff getötet - drei Jemeniten, zwei Ägypter, ein Saudi-Araber und ein Türke. Zudem starben 7 Pakistaner und 20 Afghanen.
Im November 1998 boten die USA für Bin Ladens Gefangennahme eine Belohnung in Höhe von fünf Millionen US-Dollar. Die Amerikaner waren wie elektrisiert, als Bin Laden verkündete, es sei seine islamische Pflicht, chemische und nukleare Waffen zu erwerben und gegen die USA einzusetzen. "Es wäre für Muslime eine Sünde, nicht zu versuchen, in den Besitz von Waffen zu gelangen, die Ungläubige davon abhalten können, Muslimen Schaden zuzufügen. Feindschaft gegenüber Amerika ist unsere religiöse Pflicht, und wir hoffen, dafür von Gott belohnt zu werden", erklärte er. Innerhalb weniger Wochen nach den Bombenattentaten in Afrika hatte die Clinton-Regierung Bin Laden so sehr dämonisiert, dass er schlichtweg für jede Grausamkeit, die in der muslimischen Welt gegen die USA begangen worden war, verantwortlich gemacht wurde. In einer anschließenden Anklageerhebung vor einem New Yorker Gericht wurde Bin Laden für folgende Verbrechen verantwortlich gemacht: die Ermordung von 18 amerikanischen Soldaten in Mogadischu, Somalia, 1993; den Tod von fünf Militärangehörigen durch ein Bombenattentat in Riad 1995 sowie den Tod von weiteren 19 US-Soldaten 1996 in Dhahran. Er wurde auch verdächtigt, bei den Bombenattentaten 1992 in Aden und im World Trade Center 1993, beim geplanten Mordanschlag auf Präsident Bill Clinton 1994 auf den Philippinen und bei den geplanten Anschlägen auf ein Dutzend amerikanische Zivilflugzeuge 1995 seine Hände im Spiel gehabt zu haben.
Bin Laden wurde nun zum Mittelpunkt dessen, was Washington als eine weltweite Verschwörung gegen die USA bezeichnete. Allerdings gestand Washington nicht ein, dass der afghanische Dschihad mit Unterstützung des CIA Dutzende Fundamentalisten-Bewegungen in der gesamten muslimischen Welt gegründet hatte, die von Militanten geführt wurden, deren Groll weniger gegen Amerika gerichtet war als vielmehr gegen ihre eigenen korrupten, inkompetenten Regierungen.
Bereits 1992 bis 1993 hatten ägyptische und algerische Führer Washington geraten, sich erneut diplomatisch in Afghanistan zu engagieren, um Frieden zu schaffen und die Präsenz der Araber-Afghanen zu beenden. Washington überhörte die Warnungen und ignorierte weiterhin Afghanistan, auch als der Bürgerkrieg dort eskalierte.
Bin Laden bewegte sich von Anfang an unsicher im Gefüge des Islam. Er ist weder ein islamischer Gelehrter noch ein Lehrer und insofern nicht befugt, eine Fatwa zu verhängen - auch wenn er dies tut. Seine "Tod für Amerika"-Apelle sind im Westen immer als Fatwa bezeichnet worden, obwohl sie in der muslimischen Welt kein moralisches Gewicht haben. Araber-Afghanen, die ihn während des Dschihad kannten, behaupten, er sei weder in seiner Auffassung noch in seinen Äußerungen auf die Bedürfnisse der muslimischen Welt eingegangen. In dem Sinne war er kein Lenin der islamischen Revolution und auch kein internationalistischer Ideologe einer islamischen Revolution wie etwa Ché Guevara für die Revolution in der Dritten Welt. Bin Ladens frühere Komplizen beschreiben ihn als leicht zu beeindruckenden Mann, der immer einen Mentor brauchte - Männer, die mehr über den Islam und über die moderne Welt wissen als er.
Zu der Liste der Mentoren in seiner Jugend kam später Dr. Aimann al-Sawahiri, das Oberhaupt des verbotenen Dschihad in Ägypten, hinzu sowie die beiden Söhne von Scheich Umar abd al-Rahman, dem blinden ägyptischen Prediger, der die verbotene Gamaa al-Islamaija in Ägypten angeführt hat. Durch den afghanischen Dschihad kannte er auch einflussreiche Persönlichkeiten der Nationalen Islamischen Front im Sudan, der Hisbollah im Libanon und der Hamas, der radikalen islamischen Palästinenserbewegung im Gaza-Streifen und im Westjordanland. In Kandahar hatte Bin Laden Männer aus Tschetschenien, Bangladesch, den Philippinen, Algerien, Kenia, Pakistan und afroamerikanische Muslime um sich - von denen viele wesentlich belesener und besser informiert waren als er, aber Afghanistan nicht verlassen konnten, da sie in Amerika steckbrieflich gesucht wurden. Sie brauchten finanzielle Unterstützung und einen Zufluchtsort, und beides konnte Bin Laden ihnen geben.
Nach den Bombenattentaten in Afrika starteten die USA eine weltweite Aktion. Mehr als 80 islamische Militante wurden in einem Dutzend verschiedener Länder festgenommen. Sieben Afghanen mit falschen italienischen Pässen wurden in Malaysia wegen versuchter Bombenlegung festgenommen. Nach Angaben des FBI wurden die Militanten im Jemen, die im Dezember 1998 16 westliche Touristen entführten, von Bin Laden finanziert. Im Februar 1999 erklärten die Behörden in Bangladesch, Bin Laden habe eine Millionen US-Dollar an den Harkat al-Dschihad (HJ) in Dhaka geschickt, von denen ebenfalls Anhänger in Afghanistan ausgebildet worden waren. Führer des HJ erklärten, sie wollten Bangladesch in einen islamischen Staat nach Vorbild der Taliban verwandeln. Tausende von Meilen entfernt in Nuakschott, der Hauptstadt Mauretaniens, wurden mehrere Militante verhaftet, die ebenfalls unter Bin Laden in Afghanistan ausgebildet worden waren und im Verdacht standen, Bombenattentate zu planen. Während 107 Dschihad-Mitglieder vor einem Militärgericht in Kairo standen, bezeugten ägyptische Geheimdienstoffiziere, dass Bin Laden der Dschihad Geld zukommen ließ. Im Februar 1999 behauptete die CIA, dass sie durch Satellitenüberwachung von Bin Ladens Kommunikationsnetz sieben Bombenattentate auf US-Einrichtungen in Saudi-Arabien, Albanien, Aserbaidschan, Tadschikistan, Uganda, Uruguay und der Elfenbeinküste verhindert hätten - und hob dadurch den Einflussbereich der afghanischen Veteranen hervor.
Als Pakistans Premierminister Nawaz Sharif von Washington gedrängt wurde, bei der Verhaftung von Bin Laden behilflich zu sein, stand er vor einem Problem. Der enge Kontakt des ISI mit Bin Laden und die Tatsache, dass er die Militanten in Kaschmir finanzieren und ausbilden half, brachte Sharif in ein Dilemma, als er im Dezember 1998 zu einem Besuch nach Washington kam. Er wich der Thematik aus, doch andere Pakistaner waren dreister und erinnerten ihre amerikanischen Partner an die Geburtshelferrolle, die sie in den Achtzigern für Bin Laden und für die Taliban in den Neunzigern gespielt hatten. Bin Laden selbst wies in einem Interview auf die beständige Unterstützung von Teilen des pakistanischen Geheimdienstes hin: "Es gibt in Pakistans Regierung einige Ressorts, die durch Gottes Gnade auf die islamischen Gefühle des pakistanischen Volkes reagieren. Das spiegelt sich wider in Sympathie und Kooperation. Doch andere Ressorts der Regierung sind in die Falle der Ungläubigen getappt. Wir beten zu Gott, er möge sie wieder auf den rechten Pfad geleiten."
Die USA waren Pakistans engste Verbündete mit guten Beziehungen zu Militär und ISI. Doch die Taliban und Bin Laden boten den Militanten in Kaschmir, die von Pakistan gedeckt wurden, Zuflucht und militärische Ausbildung, und in Islamabad hatte man wenig Interesse daran, dies zu ändern. Zwar versuchten die Amerikaner wiederholt den ISI zur Kooperation zu bewegen und Bin Laden auszuliefern, aber der lehnte ab und half nur, einige von Bin Ladens Helfer gefangen zu nehmen. Ohne Hilfe Pakistans konnte die USA nicht an den Einsatz von US-Kommandos oder gezielte Bombenangriffe denken - denn dazu benötigten sie unbedingt pakistanisches Territorium. Gleichzeitig wagten die USA nicht, Pakistans Unterstützung der Taliban an die große Glocke zu hängen, weil sie immernoch auf die Kooperation des ISI für Auslieferung Bin Ladens hoffte.
Das saudi-arabische Problem war noch komplizierter. Im Juli 1998 hatte Prinz Turki Kandahar besucht, und ein paar Wochen später kamen 400 neue Pick-ups in Kandahar für die Taliban an - mit Nummernschilder aus Dubai. Die Saudis gaben auch Geld für die Bestechungsaktion der Taliban im Norden. Bis zu den Bombenattentaten in Afrika und ungeachtet des Drucks von Seiten der USA hielten die Saudis ihre Unterstützung der Taliban aufrecht und schwiegen sich über eine notwendige Auslieferung Bin Ladens aus. Sie zogen es vor, Bin Laden in Afghanistan in Ruhe zu lassen, denn seine Verhaftung und ein Prozess in den USA konnte das enge Verhältnis offenbaren, das Bin Laden weiterhin zu sympathisierenden Mitgliedern der königlichen Familie und Bereichen des saudi-arabischen Geheimdienstes pflegte, was außerordentlich peinlich werden könnte. Die Saudi-Araber wollten Bin Laden entweder tot oder als Gefangener der Taliban - aber keinesfalls in Händen der Amerikaner. Nach den Bombenattentaten im August 1998 in Afrika nahm der Druck der USA auf Saudi-Arabien zu. Erneut besuchte Prinz Turki Kandahar, diesmal um die Taliban zu überreden, Bin Laden auszuhändigen. Mullah Omar weigerte sich und beschuldigte Prinz Turki, die saudische Königsfamilie auszunutzen. Bin Laden selbst beschrieb, was geschah: "Er (Prinz Turki) forderte Mullah Omar auf, uns nach Hause auszuliefern oder aus Afghanistan auszuweisen. Es war keine Angelegenheit des Saudi-Regimes, um die Auslieferung von Osama Bin Laden zu ersuchen. Es war, als wäre Turki als Gesandter der amerikanischen Regierung gekommen." Wütend über die Beschimpfung froren die Saudi-Araber alle diplomatischen Beziehungen zu den Taliban ein und stoppten ostentativ alle Hilfe; sie zogen aber nicht ihre Anerkennung der Taliban-Regierung zurück.

Inzwischen übte Bin Laden beachtlichen Einfluss auf die Taliban aus, was nicht immer der Fall war. Der Kontakt der Taliban mit den Araber-Afghanen und deren panislamischer Ideologie hatte bis zur Einnahme Kabuls durch die Taliban 1996 nicht bestanden. Pakistan war stark an der Zusammenführung Bin Ladens mit den Führern der Taliban in Kandahar beteiligt, weil man die Übungslager bei Khost, die jetzt in Händen der Taliban waren, für die eigenen Kämpfer im Kaschmir zurückhaben wollte. Die etwas gebildeteren Kader der Taliban, die selbst panislamische Vorstellungen hegten, ließen sich von Pakistan überreden; zudem lockten finanzielle Vorteile durch Bin Laden. So kam es zu einem Treffen zwischen ihm und den Taliban, bei dem sie die Khost-Lager zurückgaben. Teils zur eigenen Sicherheit, teils um ihn unter Kontrolle zu halten, brachten die Taliban Bin Laden 1997 nach Kandahar. Erst lebte er als zahlender Gast. Er baute Mullah Omars Familie ein Haus und unterstützte andere Führer des Taliban finanziell. Er versprach, die Strasse zu Kandahars Flughafen zu verbessern und Moscheen, Schulen und Staudämme zu bauen, aber diese Projekte wurden gar nicht erst begonnen, weil sein Vermögen eingefroren war. Bin Laden machte sich bei den Führern weiter beliebt, als er ein paar hundert Araber-Afghanen zu den Offensiven der Taliban im Norden 1997 und 1998 schickte. Diese Kämpfer halfen den Taliban tatkräftig bei den Gemetzeln an den schiitischen Hazaras im Norden. Ein paar hundert Araber-Afghanen kämpften an der Front in Kabul gegen Massud. Zunehmend schien Bin Ladens Sicht der Dinge das Denken der ranghöheren Taliban-Führer zu beeinflussen. Die nächtelangen Sitzungen und Gespräche zahlten sich aus. Bis zu seiner Ankunft waren die Taliban-Führer den USA und dem Westen nicht sonderlich feindlich gesinnt, sie wollten nur von ihnen anerkannt werden. Doch nach den Bombenattentaten wetterten die Taliban immer lauter gegen die USA, die Uno, die Saudi-Araber und die muslimischen Regime rund um die Welt. Ihre Einstellung spiegelte zunehmend die trotzige Sprache Bin Ladens wider. Als der Druck der USA auf die Taliban größer wurde, Bin Laden auszuliefern, erklärten sie, er sei ein Gast und es verstoße gegen afghanische Tradition, einen Gast auszuliefern. Als es den Anschein hatte, als plane Washington einen erneuten militärischen Angriff auf Bin Laden, versuchten die Taliban einen Kuhhandel mit den Amerikanern: Sie wollten ihm erlauben, das Land zu verlassen, wenn sie die Taliban-Regierung anerkannten. So sahen die Taliban bis zum Winter 1998 Bin Laden als Trumpf-As an, als einen Chip im Spiel mit den Amerikanern, um den sich feilschen ließ. Das US-Außenministerium stellte eine Telefonverbindung über Satellit her, um direkt mit Mullah Omar zu sprechen. Die US-Beamten führten mit Hilfe von Paschtu-Übersetzern lange Gespräche mit Omar, bei denen beide Seiten verschiedene Möglichkeiten erwogen, jedoch vergebens. Anfang 1999 begann den Taliban zu dämmern, dass es mit den USA keinen Kompromiss geben könnte, und sie betrachteten Bin Laden eher als Belastung. Das US-Ultimatum, bis Februar 1999 entweder Bin Laden auszuliefern oder die Konsequenzen zu tragen, zwang die Taliban, Bin Laden heimlich aus Kandahar verschwinden zu lassen. So gewannen sie Zeit, doch das Problem war damit nicht im mindesten zu einer Lösung gebracht. Für die Araber-Afghanen hatte sich der Kreis geschlossen. Als ehemaliges Anhängsel des afghanischen Dschihad und des Kalten Krieges in den Achtzigern standen sie in den Neunzigern im Scheinwerferlicht Afghanistans, der benachbarten Länder und des Westens. Damit bezahlten die USA den Preis dafür, dass sie Afghanistan zwischen 1992 und 1999 einfach ignoriert hatten, während die Taliban den feindseligsten und militantesten islamischen Fundamentalisten der Welt nach dem Kalten Krieg die Tür geöffnet hatten. Jetzt war Afghanistan ein wahrer Zufluchtsort für islamische Internationalisten und Terroristen geworden, und die Amerikaner, der Westen wusste nicht, wie sie damit umgehen sollte.

Einziges Foto von Mullah Omar

Auszug aus: "Taliban, Afghanistans Gotteskrieger und der Dschihad" von Ahmed Rashid*;  © Droemer Knaur Verlag u. A. Rashid, München 2001.
Fotos "DER SPIEGEL"

 

* Seit der Machtergreifung der Schiiten im Iran hat keine andere religiös-politische Bewegung der islamischen Welt so viel Aufmerksamkeit erregt wie die Taliban in Afghanistan. Doch ihre Machtstruktur, ihr Führungssystem und Entscheidungsprozesse sind nur Eingeweihten bekannt. Obwohl die Taliban Presseerklärungen abgeben, sind ihre politischen Positionen undurchsichtig. Aufgrund des von ihnen erlassenen Verbots von Foto- und Fernsehaufnahmen weiß niemand, wie ihre hochrangigen Führer aussehen. Der einäugige Mullah Mohammed Omar, von dem es nur ein einziges Foto gibt, tritt kaum an die Öffentlichkeit. Der pakistanische Journalist Ahmed Rashid, 52, war über 20 Jahre lang Korrespondent in Afghanistan. Kaum jemand kennt das Land, seine Geschichte und seine Menschen so gut wie er. Er war dabei, als 1979 in Kandahar die Sowjets einmarschierten, 1981 wurde er von dem damaligen Chef des Geheimdienstes, Nadschibullah, persönlich verhört; Gulbuddin Hekmatjar, der extremistische Mudschahedinführer, verurteilte ihn zum Tode. In seinem Buch "Taliban. Afghanistans Gotteskrieger und der Dschihad" beschreibt Rashid den Aufstieg der Taliban, ihre Kultur und ihre brutale Herrschaft.

 

 

 

 

   

 

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