Religiöser Wahn:

"Gott will es"

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Mord und Terror gehören nicht zur Morallehre der monotheistischen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam. Doch immer wieder töten Gläubige aus religiösem Wahn - aufgehetzt von fanatischen Priestern. Die Anschläge im Namen Allas gegen die USA haben eine lange Tradition.

 

Die Anweisung an die Selbstmörder ist von brutaler Eindringlichkeit: "Dies ist die Stunde, in der du Gott treffen wirst, und bete zu Gott, Gott hilf mir, dies zu tun."
"Wenn Du im Flugzeug bist, solltest du zu Gott beten, denn du tust dies für Gott. Wie der allmächtige Prophet sagt, ist eine Tat für Gott besser als die ganze Welt".
Immer wieder: Bete, bete, bete, damit du nicht schwankend wirst und aus Angst dein Vorhaben aufgibst. "Öffne dein Herz, heiße den Tod im Namen Gottes willkommen."
Der Lohn für deine Treue ist ganz nahe: "Öffne dein Herz, denn du bist nur einen kurzen Moment entfernt von dem guten, einzigen Leben voller positiver Werte in der Gesellschaft von Märtyrern." Schließlich, wenn alles vorbei ist, rufen "Engel deinen Namen und tragen für dich ihre schönsten Kleider".
Angesichts der 5.500 Menschen, die bei den Terroranschlägen in den USA umgekommen sind, liest sich die "spirituelle Anleitung" für den Selbstmordanschlag auf das World Trade Center, die FBI-Beamte im Gepäck des Attentäters Mohammed Atta gefunden haben, wie ein Dokument religiöser Paranoia - Gott als Rechtfertigung für den bislang furchtbarsten Terroranschlag in der Geschichte. Im Namen Gottes ist alles gerechtfertigt: In den Trümmern von New York starben auch viele Glaubensbrüder der Terroristen.
Doch so makaber sich das Atta-Dokument liest - es passt zu einem Fanatismus, der nicht nur im Islam virulent ist. Auch der jüdische Extremist Jigal Amir, der den israelischen Premier Jizchak Rabin erschoss, glaubte, den Willen Gottes zu erfüllen.
Und ein strenger Novizenmeister eines rigorosen katholischen Ordens könnte sich fast derselben Formel bedienen wie jener Koran-Lehrer, der die "Anleitung" verfasst hat, wenn er seine Fratres auf unbedingten Gehorsam gegen ihre Oberen und auf totale Hingabe an den Christengott trimmt - nach der Devise des Gründers des Jesuitenordens, Ignatius von Loyola: "Ich glaube, dass das Weiße, das ich sehe, schwarz ist, wenn die hierarchische Kirche es so bestimmt."
Religiösen Wahn hat es zu allen Zeiten in allen Glaubensrichtungen gegeben, er ist gleichsam die dunkle Seite jeder Religion, die nur schwer zu erklären ist. Solcher Wahn, der sich meist in Gewalt gegen Andersdenkende austobt, grassiert selbst in so "sanften" Religionen wie dem Hinduismus und dem Buddhismus.
Verbreitet war und ist er indes vor allem in den drei Offenbarungsreligionen Judentum, Christentum und Islam, die alle drei an einen Gott glauben, sich auf Abraham gründen und deshalb auch abrahamitische Religionen genannt werden.
Gemeinsam ist ihnen die Überzeugung, jeder von ihnen allein habe Gott die Wahrheit über sich, den Menschen und die Welt geoffenbart. Diese Offenbarung ist niedergelegt in heiligen Büchern - der hebräischen Bibel, dem christlichen Neuen Testament und dem islamischen Koran.
Und diese Schriften enthalten in sich widersprüchliche Aussagen. Sowohl der Koran als auch die Bibel des Alten wie des Neuen Testament verkünden in erster Linie einen gütigen Gott und rufen zu Friedfertigkeit und Menschenliebe auf; am deutlichsten ist das von Jesus übernommene Wort aus der hebräischen Bibel: "Liebe deinen Nächste wie dich selbst".
Doch daneben stehen Aussprüche, die von Intoleranz und Gewaltbereitschaft zeugen, Texte wie dieser: "Ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien und die Tochter mit ihrer Mutter." "Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig." Oder: "Glaubet nicht, ich sei gekommen, Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert."
Auch der Prophet Mohammed übermittelt grausame Anweisungen Allahs: "Fürchtet das Feuer, das für die Ungläubigen bereitet ist:"
Am widersprüchlichsten offenbart sich der alttestamentarische Gott, der laut Bibel als ethische Formel auch die Maxime ausgegeben hat, die in Nahost noch immer höchst aktuell ist: "Auge um Auge, Zahn um Zahn."
Der Absolutheitsanspruch der abrahamitischen Religionen hat in der Geschichte immer wieder Fanatiker verführt, den eigenen Glauben gegen Ungläubige und Dissidenten durchzusetzen - notfalls mit Feuer und Schwert. Bis heute sind fast alle Religionen eine Triebfeder für Verfolgungen und Kriege, für Völkerhass, Folter und Mord. Beispiele gibt es zuhauf: die grausamen Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Muslimen in Indien etwa oder der blutige Hass, mit dem sich in Indonesien Muslime und Christen bekriegen.
Lange Zeit schien der religiös fundierte Extremismus in den abrahamitischen Religionen überwunden, im Christentum seit der Aufklärung, seit sich die Symbiose von Staat und Religion erledigt und sich die Idee einer vom Glauben an Gott unabhängigen,  auf dem Konsens der Gesellschaft basierenden Ethik durchgesetzt hat.
Doch Anfang der neunziger Jahre hat der französische Soziologe Gilles Kepel in seinem Buch "Die Rache Gottes" darauf hingewiesen, dass religiöse Extremisten unter Muslime, Christen und Juden längst wieder auf dem Vormarsch sind. Dass die Islamisten dabei am radikalsten sind, hat auch historische Gründe: Der Islam lebt nach eigener Zeitrechnung im 15. Jahrhundert, in einer Phase, als im Christentum die Reform noch bevorstand. Den Muslimen fehlt ein Martin Luther, der die dogmatische Erstarrung des Islam aufzubrechen beginnt.
So unterschiedliche Wurzeln die neuen fundamentalistischen Bewegungen auch haben (und so fanatisch sie einander bekämpfen mögen), sie alle eint die Überzeugung, dass dem "säkularen Gemeinwesen die Legitimationsgrundlage fehlt" (Kepel). Die Fundamentalisten aller Couleur, ob Muslime, Juden oder Christen, wollen die profane Gesellschaft weltweit wieder auf eine sakrale Grundlage stellen, Gott und seine Lehre wieder zum einzigen Gradmesser des Staates machen.
Die fundamentalistischen Christen, wie die amerikanische Erweckungsbewegung oder katholische Charismatiker, träumen von einer Re-Christianisierung der Welt, Muslime verkünden den Dschihad, den Gotteskrieg gegen alles Böse, das sich vor allem in den "Ungläubigen" der westlichen Welt manifestiert, und kämpfen für die Re-Islamisierung jener Länder, in denen die Lehre Mohammeds über Jahrhunderte Regelwerk für alle Bereiche des gesellschaftlichen und staatlichen Lebens war. Den jüdischen Fundamentalisten geht es um die Re-Judaisierung des weitgehend laizistischen Staates Israel und die Vertreibung aller Nichtjuden von dessen Territorium.
Kepel weist auf ein interessantes Phänomen hin: "Die meisten Anhänger und Aktivisten der zeitgenössischen religiösen Bewegungen entstammen keineswegs ungebildeten Bevölkerungsschichten, sondern verfügen häufig über ein staatliches Diplom in vorwiegend technischen Studienrichtungen. Sie sehen keinen Widerspruch zwischen ihrer wissenschaftlich-technischen Ausbildung und ihrer Unterwerfung unter einen Glauben, der sich den Gesetzen der Vernunft entzieht."
Die Anführer der islamistischen Terroristen, die am 11. September 2001 die USA angriffen, stammen aus diesem Milieu: Etliche von ihnen studierten an deutschen Hochschulen Flugzeug- oder Maschinenbau sowie Stadtplanung.


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Judentum - Mord und Todschlag im Namen Jahwes

Der erste Selbstmordattentäter der abrahamitischen Religionsgeschichte war ein Jude: Samson - rund 1.200 Jahre vor Christus, als die Israeliten unter der Herrschaft der Philister stöhnten. Solange der Hüne sein Haar nicht schnitt, war er von Gott mit außerordentlicher Kraft gesegnet: Einen Löwen zerriss er mit bloßen Händen.
Der Muskelprotz, der sich prompt mit der Besatzungsmacht anlegte, wäre unschlagbar geblieben, hätte seine Geliebte Delila nicht das Geheimnis seiner Stärke verraten. Im Schlaf ließ sie Samson den Schädel scheren, dann wurde er von den Philistern überwältigt. Sie stachen ihm die Augen aus, und fortan musste der Gefangene in Gaza die Mühlräder drehen.
Die Stunde der Rache kam, als die Haare des Blinden wieder nachgewachsen waren. Als Samson bei einer Opferfeier für den Philistergott Dagon dem Volk zur Belustigung vorgeführt wurde, ließ er sich zu den beiden Mittelsäulen des Tempels führen.
Nach einem Stoßgebet "Denk an mich, und gib mir noch einmal Kraft" stellte er sich zwischen die beiden Hauptstützen des Gebäudes. "Er stemmte sich gegen sie, gegen die eine mit der rechten Hand, gegen die andere mit der Linken. Er sagte: So mag ich denn zusammen mit den Philistern sterben. Er streckte sich mit aller Anstrengung, und das Haus stürzte über dem Fürsten und allen Leuten darin zusammen."
Bei dem todesverachtenden Kraftakt starben etwa 3.000 Männer und Frauen. So jedenfalls berichtet es das Buch der Richter - makabre Parallele zum Terroranschlag auf die Türme des World Trade Center in New York.
Töten in Gottes Namen? Schon seit den Königen David und Salomon strotzt die Geschichte der Israeliten von Krieg, Mord und Totschlag. Schon Noah bekommt nicht nur den göttlichen Hinweis mit auf den Weg: "Seit fruchtbar und mehret euch", sondern auch die Maxime: "Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut wird durch Menschen vergossen."
Auch die Eroberung des Gelobten Landes geschieht nach göttlichem Tagesbefehl: "Von der Wüste bis zum Libanon und von dem großen Strom Euphrat bis an das große Meer gegen Sonnenuntergang soll euer Gebiet sein", wird der Schöpfer bei Joshua zitiert, "es soll dir niemand widerstehen dein Leben lang."
Die Kinder Israels, die sich nach alttestamentarischer Überlieferung anschicken, über den Jordan nach Jericho vorzurücken, hielten sich mit unnachgiebiger Brutalität an die himmlische Vorgabe: Zwar fielen die Mauern der Stadt nach siebentägiger Belagerung gewaltfrei durch Posaunenklänge und Kriegsgeschrei; doch dann folgte die Einnahme "mit der Schärfe des Schwertes". Sie gipfelte in dem "Bann Gottes", in einem furchtbaren Gemetzel. "Es starben Mann und Weib, Jung und Alt, Rinder, Schafe und Esel."
Sengen und Brennen im Auftrag des Allmächtigen: Das Buch der Bücher strotzt vor Gewalttaten auch innerhalb rivalisierender jüdischer Stämme und Gruppen. Makkabäer bekriegten sich mit Konvertiten. Zeloten verfolgten im Namen ihres Gottes Jahwe jüdische Kollaborateure mit gnadenloser Härte.
Nach internen Machtkämpfen und Meuchelmorden brach der Zeloten-Aufstand zusammen; die verbliebenen jüdischen Gotteskrieger verschanzten sich in der Bergfestung Massada, acht Jahre währte ihr erbitterter Widerstand.
"Unheimliche Leere" fanden die römischen Angreifer, als sie frühmorgens die Schanzen mit Fallbrücken überwanden. "Sie konnten sich nicht vorstellen, was geschehen war", beschrieb der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus die gespenstische Stimmung auf dem Felsplateau: 960 Männer, Frauen und Kinder hatten statt der Gefangenschaft den Freitod gewählt.
Seither ist die Verzweiflungstat Symbol. Sie begleitet jahrhundertelang die kollektive Erinnerung der Juden in der Diaspora und bestimmt seit der Staatsgründung Israels das martialische Selbstverständnis der Sabras: "Massada darf nie wieder fallen", heißt der zur Parole verkürzte Mythos vom heroischen Widerstand der jüdischen Urahnen.
"Die Zeloten waren kein Haufen von Hooligans", glaubt der Soziologe Ehud Sprinzak, "sie handelten in der Überzeugung, göttliche Befehle zu folgen." Doch dabei "trat auch ein starker, ideologisch begründeter Terrorismus gegen gemäßigte Juden auf".
Rund 2.000 Jahre später, so der israelische Experte für Rechtsradikalismus, ist das Phänomen nicht überwunden. Unter Berufung auf biblische Vorbilder und religiöse Normen ziehen die selbsternannten Handlanger Gottes gegen alle Feinde Israels zu Felde.
Für sie ist der geschichtliche Auftrag mit der Existenz des zionistischen Staates noch längst nicht erfüllt. Rechte Extremisten und orthodoxe Ultras begnügen sich nicht mit der Vision Theodor Herzls, der für die Juden in Palästina eine neue Heimstatt schaffen wollte.
Die Anhänger eines Großisrael glauben, die "Seele des jüdischen Volkes" könne nur durch den Besitz des gesamten Heiligen Landes erlöst werden - womöglich vom Zweistromland bis zum Mittelmeer.
Erst der Sieg im Sechstagekrieg vom Juni 1967 forcierte den heimlichen Kulturkampf. Auch säkulare Juden feierten die Eroberungen nicht nur als Beweis für militärische Überlegenheit ihres Staates. "Wer nicht religiös war", meinte der einäugige Verteidigungsminister Mosche Dajan damals, "der ist es heute geworden."
Doch wo säkulare Juden das Westjordanland, die Sinai-Halbinsel und die Golan-Höhen als "besetztes Gebiet" bezeichneten, erkannten tief gläubige Juden in der geographischen Ausdehnung des Staates Israel auf die alten biblischen Grenzen ein Zeichen Gottes.
Land für Frieden eintauschen? Undenkbar, mehr noch: ein Frevel.
"Eine tiefe innere Bindung besteht zwischen dem jüdischen Volk und dem Land Israel", schrieb Rabbi Zwi Jehuda Kook, ein ideologischer Vordenker der Großisrael-Bewegung, die besondere Verbindung von Gottesidee und Nationalgefühl: "Beide sind heilig. Volk und Tora (die biblischen Gesetze) existieren nur dann als Ganzheit, wenn auch die Ganzheit des Landes unangetastet bleibt."
Die militante Siedlerbewegung erhob diese besondere Verbindung von Gottesidee und Nationalgefühl zum Programm. Sie wollte verhindern, dass auch nur ein Quadratzentimeter heiligen Bodens an die Feinde Israels zurückgegeben wird. Das Ziel: volle israelische Souveränität über das ganze Erez Israel.
Zum Star der frömmelnden Maximalisten wurde Rabbi Mosche Levinger, dessen Anhänger schon ein Jahr nach dem Sechstagekrieg im palästinensischen Hebron ein Hotel besetzten. Nach langen Verhandlungen mit der Regierung zogen sich die Meisten von ihnen an den Ortsrand zurück und gründeten dort die neue jüdische Stadt Kirjat Arba - die Wehrsiedlung wurde zur Hochburg der nationalistischen Ultras.
Organisationen wie "Gusch Emunim" (Block der Getreuen), die den Rechtsbegriff vom Staat Israel durch das biblische "Land Israel" (Erez) ersetzten und hartnäckig den jüdischen Vormarsch in den besetzten Gebieten betrieben, diente die Wehrsiedlung als Schaltzentrale.
Die Bewegung, die nie mehr als 25.000 Mitglieder zählte, war der kompromissloseste Verfechter einer religiösen Renaissance: Ihre Anhänger, die mit Gewehr und Tora ihre Wehrdörfer in die Berge von Judäa und Samaria vortrieben, verstanden die Gründung von Siedlungen als persönlichen Beitrag zur Erlösung des gesamten Volkes.
Manche der modernen Zeloten schrecken vor Gewalt und Mord nicht zurück. Das wahnwitzigste Unternehmen zielte auf die "Schandflecke" im Herzen Jerusalems: Jüdische Bombenleger planten Anfang der achtziger Jahre einen Anschlag auf das nach Mekka und Medina wichtigste Heiligtum der islamischen Welt. Mit gewaltigen Sprengstoffmengen wollten sie die Aksa-Moschee und den Felsendom in die Luft jagen.
Die Zerstörung der Kultstätten, so das perfide Kalkül der jüdischen Terrorgruppe "Machteret" (Untergrund), würde die islamische Welt zum "Heiligen Krieg" herausfordern und damit die apokalyptische Endschlacht zwischen Gut und Böse heraufbeschwören. "Der Sieg Israels am Ende dieser sehnlich herbeigesehnten Feuerprobe", sagt der Extremismusexperte Gideon Aran über die Verschwörer, die sich bei radikalen Rabbinern religiöse Rückendeckung geholt hatten, sollte "das Kommen des Messias vorbereiten". Der Plan wurde vom Geheimdienst vereitelt.
Zehn Jahre später standen die Zeichen wieder auf Endzeitstimmung. Während die Welt das Oslo-Abkommen und den Handschlag zwischen Jizchak Rabin und Palästinenserführer Jassir Arafat als hoffnungsvolle Friedensgeste würdigte, predigten die jüdischen Ultras mit hasserfüllten Tiraden gegen den "Ausverkauf jüdischen Landes" und den "Verrat an der göttlichen Verheißung". "Rabin Mörder", skandierten rechte Demonstranten.
Wird der Friedensprozess zum Menetekel Israels? Steht gar die Existenz des jüdischen Volkes auf dem Spiel?
Baruch Goldstein ist davon überzeugt. Der Arzt aus Kirjat Arba geht am Morgen des 25. Februar 1994 in die Ibrahim-Moschee von Hebron und entleert sein Galil-Sturmgewehr in die betende Menge palästinensischer Gläubiger. 29 Menschen sterben, 125 werden verletzt, bevor Goldstein selbst mit einem Feuerlöscher niedergeschlagen und getötet wird. Nach dem ersten öffentlichen Entsetzen wird das Grab des Massenmörders zum Pilgerort.
"Anstiftung zum Mord" nennt Rabin empört die Glorifizierung des zum Märtyrer erhobenen Killers. Und behält auf tragische Weise Recht: Jigal Amir, ein ultrareligiöser Student, war, wie er später zu Protokoll gab, "von den Unmengen Menschen auf der Beerdigung, ihrer Liebe für unsere jüdischen Werte" begeistert.
Am 4. November 1995, am Ende einer Kundgebung in Tel Aviv unter dem Motto "Ja zum Frieden, Nein zur Gewalt", töteten die Kugeln aus der Pistole des Goldstein-Bewunderers den israelischen Ministerpräsidenten.
Jigal Amir glaubte, als Scharfrichter Gottes zu handeln. Keinen Mord, eine Hinrichtung habe er vollzogen, bekennt er später. "Gratuliere zum fröhlichen Fest", höhnt im Internet ein Kommilitone nach Rabins Ermordung, "der böse Hexer ist tot."
Die geistigen Brandstifter dieses Irrsinns sind schnell ausgemacht. "Hätte es nicht Ermunterungen von unseren religiösen Führern gegeben, wäre niemand auch nur auf die Idee gekommen, so etwas zu tun", glaubt Rabbi Joel Ben-Nun, selbst ein Siedler, aber politisch eher dem linken Lager zugehörig.
"Zwischen den Irrgeistern eifernder ägyptischer Fundamentalisten und den israelischen Eiferern besteht eine haarsträubende Parallelität", sagt der Orientalist Imanuel Sivan. Und Jossi Sarid, linker Umweltminister im Kabinett Rabins, fragt erschüttert: "Wie kommt es nur, dass der Herrgott jüdischen wie christlichen oder muslimischen Fundamentalisten offenbar nur einen Befehl gibt: ´Mordet´?"

 

Christentum - Mit Feuer und Schwert gegen Hexen und Ketzer

Die Geschichte des Christentums ist über anderthalb Jahrtausende ebenfalls prall gefüllt mit Beispielen eines gewalttätigen Fanatismus - auch wenn dieser Radikalismus heute im Vergleich zum Islam und zum Judentum weit weniger virulent ist.
In der Frühzeit, als die Christen noch keine Macht hatten und im Römischen Reich selbst brutal verfolgt wurden, weil sie den staatlich verordneten Götterkult nicht mitmachten, dokumentierte sich dieser Fanatismus in einer seltsamen Todeslust: Unter einer Minderheit von Gläubigen galt es in den ersten drei Jahrhunderten als Krönung eines Christenlebens, von der weltlichen Obrigkeit gefoltert und hingerichtet zu werden. Die Zahl der Märtyrer, die bis heute als leuchtende Vorbilder verehrt werden, ist Legion - angefangen bei den Aposteln Petrus und Paulus und jenen Christen, die Kaiser Nero anno 64 als angebliche Brandstifter Roms niedermetzeln ließ.
So hoch im Kurs stand in der frühen Kirche das Martyrium, dass manche Gläubige sogar versuchten, den eigenen Tod zu provozieren, etwa, "indem sie religiöse Bilder zerstörten oder im Kreuzverhör aufsässig gegenüber dem Statthalter auftraten" oder indem sie "verächtlich zu zischen" begannen, "wenn sie an einem Tempel vorbeigingen", wie der britische Kirchenhistoriker Sir Henry Chadwick beschreibt.
Im damals teilweise christlich besiedelten Nordafrika, schildert Chadwick, entwickelte sich angesichts der Verfolgungen geradezu "christlicher Kampfgeist"; und "zum obersten Ziel wurde es, sich die Märtyrerkrone zu verdienen". Für diese Fanatiker waren jene Mehrheit ihrer Glaubensgenossen, die den Märtyrertod scheuten oder ablehnten und die daher versuchten, sich bei den Heiden durchzumogeln, die "lapsi", die "Gestrauchelten", die eigentlich kein Recht hatten, sich weiter Christen zu nennen.
Als das Christentum im Römischen Reich 380 zur Staatsreligion erhoben wurde, fand sich rasch ein Betätigungsfeld: Die Todeslust verkehrte sich in Mordlust gegen Andersdenkende, Abweichler von der reinen Lehre und Ungläubige. "Deus lo vult", "Gott will es", lautete das Losungswort für das mörderische kirchliche Unternehmen zu Beginn des zweiten christlichen Jahrtausends: die Kreuzzüge. Die Päpste hatten die gesamte Christenheit aufgerufen, Jerusalem und das heilige Land von muslimischer Herrschaft zu befreien. Den Kreuzfahrern winkte neben der Hoffnung auf fette Beute der vollkommene Ablass aller Sündenstrafen.
Auf mindestens sechs Kreuzzüge wüteten die christlichen Heerscharen zwischen 1096 und 1291 nicht nur in Palästina. Sie verwüsteten nebenbei das christliche Konstantinopel (1204) und schlachteten auf dem Weg ins Heilige Land schon daheim Juden ab, die ihnen in die Quere kamen - alles zur größeren Ehre Gottes.
Bei der Eroberung 1099 Jerusalems fielen die Kreuzfahrer in einen Blutrausch. Auf dem Tempelberg veranstalteten sie, so ein Augenzeuge, ein solches Gemetzel, "dass die Unsrigen bis zu den Knöcheln im Blut wateten". Anschließend plünderten sie die Häuser der Reichen und gingen dann, "vor Freude weinend ... um das Grab unseres Erlösers zu verehren". Insgesamt kamen nach groben Schätzungen bei den Kreuzzügen über fünf Millionen Muslime, Juden, Christen der byzantinischen Kirche sowie christliche Eroberer um. Der Hass der Muslime gegen die Christen, der später die "heiligen Kriege" des Islam gegen den Westen auslöste, hat nicht zuletzt in den damaligen Gemetzeln seine Wurzeln. Und die Kreuzzüge waren kein Ausrutscher, sondern sie gehörten zum kirchlichen System, das stets neben den Friedfertigen auch die Wahnwitzigen in seinen Reihen bediente. Hand in Hand mit Bischöfen, Kaisern, Königen und Fürsten verfolgten Päpste über mehr als fünf Jahrhunderte alle, die es wagten, Gott anders zu verehren, als die Hüter der allein selig machenden Kirchenlehre es vorschrieb. Vom 13. Jahrhundert bis über die Aufklärung hinaus zog die Inquisition eine grausige Blutspur. Mindestens eine Million Menschen kamen nach Schätzungen durch die geistlichen Tribunale zu Tode. Besonders übel ging es dabei in Spanien zu. Der spanischen Inquisition, in den siebziger Jahren des 15. Jahrhunderts eingesetzt, fielen vor allem Hunderttausende zum Christentum übergetretene Juden ("conversos") und islamische Mauren ("moriscos") zum Opfer. Ihnen wurde vorgeworfen, heimlich weiter an ihrem alten Glauben zu hängen. Der Dominikanermönch Tomás de Torquemader, der erste spanische Großinquisitor, ließ in einem Jahr 12.000 angebliche Häretiker verbrennen.
Da war es nur konsequent, dass die spanischen Konquistadoren dieselben Methoden auch bei den Heiden der neuen Welt anwandten, sofern sie sich weigerten, ihren Göttern abzuschwören und sich zum Gott ihrer Eroberer zu bekennen. Das Ergebnis war ein Völkermord an Millionen Indianern. Die Konquistadoren, ermutigt von den sie begleitenden Klerikern, verübten eine endlose Kette von grausamen Verbrechen. "Die Indios", beschreibt Joachim Kahl in seinem Essay "Das Elend des Christentums" die Gräueltaten, "wurden gepfählt, gehängt oder langsam bei lebendigem Leibe geröstet."
Einen weiteren Gipfel erklomm der perverse Ungeist der Inquisition in der 500 Jahre andauernden Hexenverbrennung, die sich vor allem aus zwei Quellen speiste: aus dem magischen Weltbild des Mittelalters, das bevölkert war von Zauberern und bösen Geistern, und aus der im Christentum tief verwurzelten Angst vor der Frau als Verführerin. Papst Gregor IX. (1227 bis 1241) gab den Befehl, Hexen zu verfolgen. Etliche seiner Nachfolger legitimierten die Praxis. Die erste Hexe wurde 1275 in Toulouse verbrannt. Insgesamt kamen in Europa nach vorsichtigen Schätzungen 50.000 bis 80.000 Frauen um, darunter 1431 das Landmädchen Jeanne d`Arc, das als Jungfrau von Orléans in die Geschichte eingegangen ist. Die Protestanten standen den Katholiken nicht nach. In Evangelischen Landen wurden nicht weniger Frauen umgebracht als in katholischen Regionen. Besonders arg grassierte die Hexenverbrennung in Deutschland. Hier erschien 1487 das Pamphlet "Malleus maleficarum", der Hexenjammer, geschrieben von den zwei Dominikanern Heinrich Institoris und Jakob Sprenger, das Standartwerk der christlichen Frauenfeinde schlechthin. In Bamberg wurden in einem einzigen Jahr 600 Frauen hingerichtet, im rheinischen Siegburg 200, im hessischen Fulda in drei Jahren 205. Die letzte Hexe wurde 1793 in Posen hingerichtet.
Die wohl schwerste Schuld hat die katholische Kirche gegenüber den Juden auf sich geladen. Bereits im Urchristentum blühte ein heftiger Antijudaismus gegen die "Christusmörder", und diese Tradition blieb die Kirche bis ins 20. Jahrhundert treu. Ohne den christlichen Antijudaismus wäre der Holocaust der Nazis vermutlich nicht möglich gewesen. "Hep!", hatten die Mörder schon vor 1.000 Jahren gebrüllt, als sie in die Gassen der Juden eindrangen. "Hierosolyma est perdita", lautete die Auflösung des Kürzels - Jerusalem ist zerstört worden. "Hep!", das blieb der Schlachtruf für die Judenpogrome bis in die Hitler-Zeit. Wie viele Juden im Laufe der Kirchengeschichte mit Billigung der Kirche oder gar auf ihren ausdrücklichen Befehl umgebracht wurden, darüber gibt es keine verlässlichen Zahlen. Für die meisten Päpste bis in die angehende Neuzeit blieben die Juden das, was sie für Innozenz III. (1198 bis 1216) waren: "von Gott verfluchte Sklaven".
Es war die Bewegung der Aufklärung, die dem mörderischen Treiben ein Ende machten. Deren Ideale - Vernunft, Menschenwürde, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz - erfassten zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert die ganze westliche Welt, sie zerbrachen die indoktrinäre Macht der Kirche. Ketzer- und Hexenverbrennung wurden allenthalben vom Staat verboten. Die Inquisition erlahmte selbst in Spanien. 1808 erklärte Joseph Bonaparte, ein Bruder Napoleons, das christliche Folterinstrument für abgeschafft. Doch erst 1826 wurde in Valencia der letzte Ketzer gehenkt.
Für Paps Johannes Paul II. ist der Fanatismus Geschichte: Er hat sich zu Beginn des von ihm ausgerufenen "Heiligen Jahres" 2000 in einem öffentlichen Schuldbekenntnis für die Verbrechen entschuldigt,  die Söhne und Töchter seiner Kirche im Namen Gottes je begangen haben. Doch in Fragen der Moral ist auch Johannes Paul ein Fundamentalist, der von der Wiederauferstehung religiöser Werte träumt. Es kommt nicht von ungefähr, dass der Vatikan bei der Uno-Konferenz zur Familienplanung vor sieben Jahren in Kairo mit radikalen Islamisten paktiert hat, um eine Resolution zu Empfängnisverhütung und Abtreibung zu verhindern. Und die christlichen Fundamentalisten-Gruppen in Europa und den USA haben nicht zuletzt Zulauf aus den vom Papst emsig geförderten charismatischen Bewegungen der katholischen Kirche.
Eine andere Wurzel dieses Fundamentalismus stammt aus dem Protestantismus. In den USA sind seit Jahren gewaltbereite religiöse Abtreibungsgegner aktiv. Bislang wurden sieben Menschen erschossen, darunter drei Ärzte.
Der Fundamentalismus der Muslime ist bis heute weit brutaler. Der Islam hat einen Propheten von anderem Kaliber, als es der Jesus der Christen war: Mohammed Menschensohn, Sprachrohr Allahs, Übermittler seiner Botschaften. Und obendrein ein erfolgreicher Feldherr, der listig und manchmal auch unerbittlich hart Krieg geführt, erstaunlich gemäßigte Friedensverträge mit den Verlierern geschlossen, in Medina eine Gemeindeordnung etabliert hat - sein Reich von dieser Welt.

 

Islam - Befreiungsschlacht gegen die Ungläubigen

Als Mohammed im Jahr 632 im Alter von etwa 62 Jahren starb, war ihm fast die ganze Arabische Halbinsel untertan, und er hatte im Namen des neuen Glaubens die Stämme zu einer Nation geeint. Die jüngste monotheistische Weltreligion verbreitete sich wie ein Lauffeuer, durch die Überzeugungskraft ihrer klaren Alltagsregeln, durch die Mundpropaganda von Kaufleuten. Aber sie reüssierte eben auch durch die Waffe: "Siehe, ich wurde (von Gott) mit dem Schwert geschickt. Erniedrigung und Demütigung sei denen, die gegen meine Sache stehen", heißt es in einer islamischen Überlieferung. Keine 20 Jahre nach dem Tod des Propheten war der gesamte Nahe Osten muslimisch, Teile Mittelasiens, das Land am Euphrat; und im Jahr 711 drangen Allas Krieger von Marokko aus auch nach Spanien vor.
Ein kämpferischer, kein terroristischer Glaube - und vor allem in der damaligen Zeit ein enorm fortschrittlicher: Während im mittelalterlichen Europa die Menschen an Seuchen und Hungersnöten zu Grunde gingen, entstanden im Orient öffentliche Krankenhäuser und Bibliotheken, schufen muslimische Forscher die Grundlagen der Mathematik, Astronomie und Chemie und machten Andalusien zum Vorbild religiöser Toleranz. Weil sie sich im Besitz der spiritueller Wahrheit wähnten, hatten sie keine Scheu davor, von Angehörigen anderer Religionen zu lernen. Jerusalem blühte nie so wie in manchen Jahrzehnten mittelalterlicher islamischer Herrschaft. Christliche Kreuzritter vergalten solche Toleranz mit einer Blutorgie, als sie Jerusalem im Jahr 1099 eroberten. Aber auch eine einsetzende geistigen Erstarrung verurteilte die islamische Welt zum Niedergang. Während der spanisch-arabische Philosoph Ibn Ruschd (Averroes) in Europa großen Zuspruch erfuhr, verbrannten Muslime seine Schriften, verfolgten liberale Denker. Während Europa in der Reformation des Christentums, in der künstlerischen Blüte der Renaissance einen dramatischen Aufschwung nahm, verkam der Islam, dessen Prophet doch soziale Gerechtigkeit für alle versprochen hatte, zum Deckmantel für skrupellose osmanische Diktatoren. Aus der Glanzzeit im 11. bis 13. Jahrhundert schöpften manche Muslime bis heute ein Überlegenheitsgefühl gegenüber Christen und Juden. Steigern sich - unter Ausblendung der Geschichte - in den Wahn hinein, einer ewig siegreichen Religion anzugehören. Träumen von einer weltumspannenden Gemeinde, deren Weltengebäude unter Führung der Muslime zum Dach für die ganze Menschheit wird.
Die Realität sieht ganz anders aus - in fast jeder Beziehung ist der Westen voraus, ein Triumph der "Falsch-Gläubigen" und der Ungläubigen. Der Nahe Osten, Kernland des Islam, wurde kolonialisiert, zersplittert, gedemütigt. Die heutige Globalisierung ist politisch und militärisch, wirtschaftlich und kulturell von den USA geprägt. McDonalds, Macintosh, MTV: Die islamische Welt spielt bestenfalls die dritte Geige. "Da Gott dafür schwerlich verantwortlich sein kann, muss die Schuld bei den Muslimen liegen", sagt der Religionswissenschaftler David Cook von der Rice University Texas. Islamische Fanatiker glauben, nur mit einem großen Befreiungsschlag ihrer Religion wieder die gebührende Weltgeltung verschaffen zu können. Und dadurch, dass sie ihre lethargisch und mutlos gewordenen Mitgläubigen zu den "wahren Wurzeln" des Islam, zu seiner "Reinheit" zurückführen. Dass dabei eine Minderheit die - gewalttätige - Avantgarde sein muss, wussten die Apokalyptiker schon immer.
Der "Alte vom Berg" wurde Hassan Bin al-Sabah genannt. Seine Kommandozentrale soll Anfang des 12. Jahrhunderts in einem versteckten Adlernest der persischen Elburs-Berge gelegen haben. Er war Chef einer gnadenlosen Truppe von Gotteskriegern, die unter den brandschatzenden christlichen Kreuzfahrern, aber auch unter den korrupten Kalifen Angst und Schrecken verbreiteten. Seine "Haschischi"-Kämpfer  - so genannt wegen ihres Drogenkonsums ("Assassin", Meuchelmörder machten die Europäer daraus) - nisteten sich als "Schläfer" in den Schaltzentralen des Gegners ein, mordeten dann in Wahnsinnsaktionen, ohne jede Rücksicht auch auf ihre eigenes Leben. Sie stärkten sich, so kolportierten wenigstens die Kreuzritter in ihren Schauergeschichten, für den heiligen Mord in Bordellen und Opiumhöhlen.
Der erste Islamist der Moderne heißt Hassan al-Banna; sein Kampf galt den "modernen Kreuzfahrern". So bezeichneten viele in Ägypten die Kolonialherren, die das Land am Nil: zunächst Napoleon, der in seinem Feldzug 1798 die Mamelucken mit Leichtigkeit besiegte, ab 1882 die Briten, die mit Hilfe korrupter einheimischer Eliten ein Protektorat errichteten. Der fanatisch fromme Lehrer Hassan al-Banna predigte den "Aufbruch zum Licht" durch eine Rückkehr zu einer "islamischen Idealzeit". Er gründete 1928 die Muslimbruderschaft, die bald Hunderttausende Anhänger zählte. er forderte - die Taliban lassen grüßen - "Schließung aller Ballsäle, Verbot von Tanz" und eine, von ihm bestimmte, "gesunde Orientierung der Presse"; alles sollte getan werden, um bei der "Erziehung von Frauen flirt- und gefallsüchtiges Verhalten zu unterbinden". Von Mord oder Selbstmordattentaten gegen Glaubensverräter oder Ungläubige war bei Banna nicht die Rede - und doch sah König Faruk in dem Aufwiegler eine solche Gefahr, dass er ihn 1949 durch seine Geheimpolizei umbringen ließ.
Zur Mutter aller islamistischen Organisationen mache die Muslimbruderschaft aber erst ein Mann von Welt: Sajjid Kutb. Den Umsturz durch die "freien Offiziere" unter Gamal Abd al-Nasser 1952 hatte der Literaturkritiker zunächst begrüßt, weil er sich durch ihn die Verwirklichung einer "gerechten Diktatur" des Islam erhoffte. Doch der Intellektuelle, der mit einem Stipendium des ägyptischen Kulturministeriums zuvor zwei Jahre in den USA und von der dortigen "Gottlosigkeit" entsetzt war, sah sich bald bitter enttäuscht. Kutb schrieb ein Pamphlet ("Wegmarken") - nicht nur  in den Augen des deutschen Religionswissenschaftlers Andreas Meier die "Mao-Bibel der islamischen Revolution". So wie Mohammed einst selbst gegen die heidnischen Landsleute und deren Unwissenheit zog, galt es nach den Worten des Fanatikers, gegen alle Regime der ungläubigen vorzugehen, gegen jene, die sich islamisch nennen, wie gegen alle anderen. Und zwar mit allen Mitteln - auch terroristischen. Denn die "heidnischen" Gegner hatten laut Kutb die Schwelle zur Barbarei überschritten. es ging nur noch um "die" gegen "uns".
Nasser ließ den Islamofaschisten 1966 hinrichten und machte ihn so zum Märtyrer der Bewegung. Aus diesem Umfeld organisierte sich später der ägyptische Terrortrupp "Islamischer Dschihad". Dessen Führer Aiman al-Sawahiri organisierte wohl 1981 das Attentat auf den Präsidenten Sadat wie später ein Dutzend anderer blutiger Anschläge - er gilt als engster Vertrauter und Chefplaner von Osama bin Laden.
Für militante Islamisten gipfelte die Demütigung in der Niederlage gegen Israel im Sechstagekrieg 1967 und der fortdauernden Besetzung arabischen Landes. Die Arroganz, mit der Israel und ihre Schutzmacht USA jede - diese völkerrechtswidrige Politik verurteilende - Uno-Resolution blockierten oder ignorierten, trieb den Radikalen immer mehr Anhänger zu. Darunter viele der entwurzelten jungen Arbeitslosen in den Slums der arabischen Großstädte: Sie suchten nach einer Lebensaufgabe, einer einigenden Kraft - und fanden sie im Untergrund, in der islamischen Heilslehre. Die Glaubensfanatiker sahen sich von Feinden umgeben, dem übermächtigen Westen, ihre eigenen, oft korrupten Landsleute an den Schaltzentralen der Macht. Einmal keimte bei ihnen Hoffnung auf: Als Ajatollah Chomeini 1979 das amerikafreundliche Schah-Regime wegfegte und mit seinen Anhängern aus Iran einen Gottesstaat machte. Doch bald zeigte sich, dass das schiitische Reich ein Sonderfall war und seine Herrscher nicht einmal davor zurückschreckten, im Krieg gegen den Irak Tausende Jugendliche in die Minenfelder und den sicheren Tod zu schicken.
Der Prophet Mohammed hat die Spaltung seiner Gläubigen vorausgesagt: "Die Juden gingen in 71 Richtungen, die Christen in 72, ihr werdet in 73 Richtungen gehen."
Das religiöse Revolutionsmodell Chomeinis verblasste schnell, die Islamisten konzentrierten sich wieder auf den Kampf im Untergrund. Vor allem in Palästina fanden - und finden - sich junge Männer bereit zu Selbstmordanschlägen. Der viel beschworene "Heilige Krieg" gehört nicht zu den Säulen des Islam, sondern darf nur in einer äußersten Notsituation ausgerufen werden - zur Selbstverteidigung, wenn die islamische Welt angegriffen und in ihrer Existenz bedroht ist.
Genau das sei in diesen Tagen der Fall, konstruieren die Radikalsten der Radikalen und finden im Koran Stellen ihrer Wahl. "Gott liebt diejenigen, die auf seinem Weg in der Schlachtordnung kämpfen", heißt es in Sure 9: "Und wenn die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Heiden, wo ihr sie findet, greift sie, umzingelt sie, lauert ihnen auf!" Mit solchen Zitaten auf den Lippen sterben - laut ihren vorab verbreiteten Videos - die Selbstmordattentäter der Hamas in Israel. Sie träumen vom unmittelbaren Übergang ins Paradies, von den dort wartenden willigen Jungfrauen. Suizid aber ist eines der größten Verbrechen, das ein Muslim begehen kann. "Stürzt euch nicht mit eigenen Händen ins Verderben", heißt es im Koran, und in einem der Mohammed zugeschriebenen Hadithe: "Wer sich selbst durchbohrt, der wird sich in der Hölle durchbohren, und wer sich vom Berg stürzt, der wird sich in der Hölle in ewigem Fall befinden."
Und doch gibt es auch für die Taten der radikalsten Palästinenser eine pseudoreligiöse Rechtfertigung (sofern sie sich gegen Besatzer, nicht gegen Zivilisten richtet). Ein "Märtyrertod" sei bei Aktionen gegen Tyrannei erlaubt, sagt etwa der ägyptische Gelehrte Jussuf al-Karadawi, es handele sich dabei um eine militärische Operation, nicht um Selbstmord.

©  (inkl. Fotos) DER SPIEGEL: Erich Follath, Manfred Müller, Ulrich Schwarz, Stefan Simons, Torsten Migge.


Muslimische Demo gegen USA-Angriffe auf Afghanistan

 

 

   

 

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